FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 4/2019

eingang aus führen Treppen und lange Flure in den Teil der Versicherung, der moderne Großraumbüros mit flexiblen Arbeitsplätzen und einen weiten Blick über Köln bietet. Timo Heitmann hat sich schnell einen Schreibtisch ausgesucht. Meist arbeitet er allerdings im Home Office. Völlig „schmerzbefreit“ „Und …“ „Ach, ist es mal wieder so weit?“ Eine Kollegin, die sich gerade einen Kaffee geholt hat, schaut interessiert auf die Kamera, die gerade wieder laufen soll. „Braucht Ihr noch Statisten?“, fragt eine andere. „Und bit- te!“ Timo Heitmann überlegt ein bisschen, bevor er erklärt, was Versicherungsnehmer, die sich tatsächlich filmen lassen, dazu an- treibt. „Ich glaube, manchen ist nicht bewusst, welche Reichweite das Format hat“, sagt er. Wie peinlich ein vor laufender Kamera auf- gedeckter Versicherungsbetrug ist, bemerken sie erst am Tag nach der Sendung, wenn sie von Chefs, Kollegen, Freunden oder Ver- wandten darauf angesprochen werden. Andere seien einfach „völlig schmerzbefreit“ und freuten sich, eine große Bühne zu bekommen. „Aber ich denke, die meisten plagt nach dem zu Unrecht gemeldeten Schaden eine gewisse Angst“, sagt Heitmann. „Dann haben sie das Gefühl, alles tun zu müssen, was der Versi- cherer vermeintlich von ihnen verlangt, um nicht unglaubwürdig zu werden.“ Doch was bewegt Versicherungskunden überhaupt dazu, einen Betrug zu versuchen? „Dazu hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft vor einigen Jahren eine Studie erstellt“, weiß Heitmann. Ein Ergebnis: Rund 25 Prozent der Befragten erklärten, für sie sei Versicherungsbetrug ein Kavaliersdelikt. Nicht schlimm also, es mal zu probieren, das mache doch ohnehin jeder. „Das ist aber falsch“, sagt Heitmann. „Ver- sicherungsbetrug ist ein Straftatbestand.“ Am häufigsten kommen Betrugsversuche im Bereich der Haftpflichtversicherung vor, dicht gefolgt von Hausratpolicen, weiß Heit- mann. „Im ersten Fall wird der Hergang fin- giert, im zweiten der Schaden“, so Heitmann. Wenn dann die Geschichten nicht lückenlos erfunden und einstudiert sind, kommt der Betrug schnell ans Tageslicht – wie bei Frau Fischer. „Wenn jemand lügt, kann man das daran erkennen, dass er entweder nervös ist oder ohne erkennbaren objektiven Grund traurig aussieht“, sagt der Profi. Nervös aus Angst, aufzufliegen. „Und traurig, weil das schlechte Gewissen drückt, weil sich da jemand schämt“, so Heitmann. „Und danke!“ Andreas Sieg schaltet die Kamera jetzt aus. Er und Johannes müssen zum nächsten Drehort, auch auf Timo Heit- mann wartet ein Termin. Es geht zurück über die Flure und Treppen zum Ausgang. Auf demWeg dahin hat der Versicherungsdetektiv aber noch Zeit für eine Frage: Was treibt ihn eigentlich an, für RTL unterwegs zu sein? Dass die Einsätze neben dem Job bei der Gothaer und dem Familienleben stressig sind, das hat er schon berichtet. In jüngster Zeit ist er außerdem viel mit Social-Media-Projekten beschäftigt. Es geht nicht um Prominenz „Ach, da ist ja unser TV-Promi“, sagt ein Gothaer-Mitarbeiter im Vorbeigehen. Timo Heitmann mag solche Sprüche nicht beson- ders, denn es geht ihm nicht um Prominenz. Auch wenn es schon einen gewissen Charme hat, auf der Straße nach einem Autogramm gefragt zu werden. Doch seine Motivation für die RTL-Serie ist das Bestreben um Fairness. „Es stört mich wirklich, wenn jemand die Versicherung missbraucht“, sagt Heitmann. Bei vielen Versicherungsnehmern herrsche vermutlich der Eindruck vor, sie zahlten jah- relang ihre Prämie, daher hätten sie auch das Recht, mal etwas zurückzubekommen. Es gel- te aber nun einmal der Grundsatz: „Jeder Kunde zahlt seinen Beitrag, und wenn es knallt, wird der Schaden reguliert“, findet Heitmann. „Wenn jemand aber Geld will, obwohl es gar nicht geknallt hat, oder viel mehr, als ihm zusteht, dann betrügt er alle anderen“, sagt Heitmann. Genau da sieht er seine Rolle: „Ich will dafür sorgen, dass es fair abläuft, nicht nur für die Versicherung, sondern damit das Produkt funktioniert.“ Geht er mit Versicherungsbetrügern also auch hart ins Gericht? „Wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand auf den Arm nehmen will oder wenn jemand total uneinsichtig ist, schon“, sagt Heitmann. Aber wenn er merkt, dass sich ein Kunde so sehr schämt, dass dies allein Strafe genug ist, dass er sicher keinen zweiten Betrug versuchen wird, dann ist Heit- mann ganz mild – wie bei Frau Fischer. ANDREA MARTENS | FP Foto: © Cornelis Gollhardt Blick auf die Uhr: Heitmanns Zeitplan ist immer eng getaktet, denn er ist nicht nur „Versicherungsdetektiv“. Bei der Gothaer am Rechner: Timo Heitmann leitet ein Team von 31 Schadenregulierern. Wenn etwas Besonderes anliegt, kommt er in die Versicherung. Meistens arbeitet der Familienvater allerdings im Home Office. 256 www.fondsprofessionell.de | 4/2019 fonds & versicherung I versicherungsdetektiv

RkJQdWJsaXNoZXIy ODI5NTI=