FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 4/2017

wenden, die in manchen Sektoren an ihre Grenzen stoßen. Bei einer Bank oder Versi- cherung beispielsweise vermag ich von außen nicht einzuschätzen, wie solide die Bilanz tat- sächlich ist. Daher bleiben diese Branchen au- ßen vor. In welchen Sektoren werden Sie eher fündig? Beispielsweise bei Konsumwerten, Technolo- gietiteln, Gesundheitswerten oder Industrieunternehmen. Auch Chemiekonzerne haben wir mitunter im Portfolio, selbst wenn diese Branche recht zyklisch ist. Schon wegen dieser Sektorgewichtung wei- chen unsere Fonds übrigens deutlich vom Vergleichsindex ab, insoweit halten wir die Fahne des aktiven Asset Managements hoch. Werden alle Fonds von Luxemburg aus gemanagt? Oder haben Sie – etwa für die Amerika- oder den Japan- Fonds – kleine Teams vor Ort? Die Portfoliomanager sitzen alle in Luxem- burg. Unser Japan-Fonds ist der Rating- agentur Lipper zufolge übrigens einer der besten seiner Vergleichsgruppe. Mit unserer Methode gelingt es also offensichtlich, auch von Luxemburg aus gute Unternehmen in Japan zu identifizieren. Allerdings ist auch klar, dass unser Ansatz nicht in jeder Markt- phase gleich gut funktioniert. Langfristig geht die Rechnung auf, davon sind wir überzeugt. Kurzfristig, insbesondere in Zeiten der Hausse, kann es aber passieren, dass wir hin- ter dem Index zurückbleiben. In der Baisse dagegen ist die Outperformance umso größer, einfach weil Qualitätsunternehmen eine Krise wesentlich besser durchstehen als andere Fir- men. Interessant ist der Blick auf das Risiko: Die Volatilität unserer Fonds ist deutlich nied- riger als die ihrer Vergleichsindizes. Im Grunde haben Ihre Fonds von der jahrelangen „Quality Growth“-Rally profitiert. Sind solche Qualitätsaktien mit den Jahren nicht viel zu teuer geworden? Zum Teil gebe ich Ihnen recht. Über den gesamten Markt hinweg waren Aktien nur zur Jahrtausendwende höher bewertet als heute. Damals herrschten insbesondere bei Tech- und Telekomaktien spekulative Kurse. Eine solche spekulative Blase erkenne ich derzeit allerdings nicht. Es gibt nicht einzelne Sekto- ren mit völlig übertriebenen Kursen. Eher ist es so, dass alles teuer geworden ist. Darum würde es wenig Sinn ergeben, sich von seinen Qualitätsaktien zu verabschieden – die ande- ren Titel sind ebenfalls hoch bewertet. Ist diese hohe Bewertung denn gerecht- fertigt? Das ist die alles entscheidende Frage. Wir rechnen damit, dass die Zinsen auf Jahre hin- aus niedrig bleiben werden. Das Wachstums- potenzial der Industrienationen ist deutlich ge- ringer als früher, schon aufgrund der Demo- grafie. Dazu kommen die hohen Schulden. Bereits vor der Finanzkrise 2008 waren die Schulden zu hoch, seither sind sie weiter ge- stiegen – nur verlagert vom Privat- auf den Staatssektor. Die Wirtschaft und die Staaten könnten keine deutlich höheren Zinsen ver- tragen. Die US-Notenbank Fed beginnt zwar, die Zinsen leicht zu erhöhen, dennoch werden die Sätze auch in den Vereinigten Staaten sehr niedrig bleiben. Deshalb sehe ich keinen Grund, warum die hohen Bewertungen am Aktienmarkt unter Druck kommen sollten. Der Zins spielt in allen Aktienbewertungs- modellen eine Rolle. Solange er niedrig bleibt, sehen Aktien nicht zu teuer aus. Sie hatten die schlechten Wachstumsaus- sichten schon erwähnt. Das spricht nicht gerade für Aktieninvestments. Ich habe auch nicht behauptet, dass mit Aktien in den kommenden Jahren viel Geld zu verdienen sein wird. Auf Sicht von zehn Jahren sind unserer Meinung nach drei bis fünf Prozent per annum realistisch – inklusive Dividende. Das klingt wenig im Vergleich zu den acht oder neun Prozent der Vergangen- heit, ist aber deutlich attraktiver als alles, was mit Anleihen zu verdienen ist. Wenn es eine spekulative Blase gibt, dann eher bei den An- leihen. Die Anlegerschutzklauseln neu emit- tierter Papiere werden immer schlechter. Man- che Klauseln sind für Investoren so unvorteil- haft – es wundert mich manchmal, dass man solche Anleihen überhaupt begeben darf. Da ist mir eine Nestlé-Aktie lieber: Auch ein sol- cher Titel kann in einer Krise mal einbrechen, aber das Geld ist nicht für immer weg. Sie hatten die Schuldenspirale bereits erwähnt. Kommen wir da jemals wieder raus? Auf jeden Fall nicht auf bequeme Art und Weise. Die eleganteste Lösung wäre ein kräftiges Wirtschaftswachstum – doch das ist nicht in Sicht. Inflation ist eine andere Möglichkeit, aber auch an dieser Front tut sich wenig, egal was die Notenbanken auch versuchen. Denkbar sind weiterhin Schuldenrestrukturierungen: Wir hatten in der Eurozone ja schon einen Schulden- schnitt, ganz unwahrscheinlich ist dieses Szenario also nicht. Die letzte Lösung wäre eine Währungsreform. Allerdings dürfen wir nicht unterschätzen, welche Macht die Zentralbanken und die Politik haben, daher kann sich die Spirale noch eine ganze Wei- le lang weiter in die Höhe schrauben. In Ja- pan besitzt die Notenbank schon 40 Prozent der Staatsschulden. Eines Tages sind es viel- leicht 100 Prozent – und dann werden die Schulden annulliert. Denkbar ist das. Damit wäre die Krise aber nur scheinbar gelöst. Dann würden die Menschen das Vertrauen in das Geld verlieren, und da- mit wäre das System am Ende. Erste Anzeichen dafür finden sich ja schon. Das erklärt die Nachfrage nach Gold oder auch Phänomene wie Bitcoin. Wir haben uns viel mit der Finanzgeschichte beschäftigt. Eine Situation wie heute, in der die Zinsen über so lange Zeit so niedrig waren, gab es noch nie, daher kennt niemand die Lösung. Klar ist nur, dass die extremen Niedrigzinsen früher oder später zwangsläufig zu Ver- werfungen in der Marktwirtschaft führen. Wir bewegen uns also in einem sehr risikoreichen Umfeld – in dem es dennoch richtig ist, in Aktien zu investieren. Denn ein gut geführtes Unternehmen kann auch eine schwerwiegen- de Wirtschaftskrise überleben. Vielen Dank für das Gespräch. BERND MIKOSCH | FP markt & strategie I guy wagner | bli 112 www.fondsprofessionell.de | 4/2017 » Wir bewegen uns in einem sehr risiko- reichen Umfeld – in dem es dennoch richtig ist, in Aktien zu investieren. « Guy Wagner, BLI

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