FONDS professionell Deutschland, Ausgabe 3/2023

Morningstar als aggressiven Mischfonds ein. Finden wir keine guten Gelegenheiten, müssen wir nicht wie ein reiner Aktien- fonds zu 95 oder 98 Prozent investiert sein, sondern parken das Geld. Anleihen sind für uns eher ein Liquiditätspuffer, mit ihnen wollen wir gar keine großen Wetten eingehen. Die Rendite kommt über die Aktienseite. Nach der Rückkehr der Zinsen sprechen viele Investoren von einem Regimewech- sel. Werden uns die höheren Zinsen und die Inflation auf lange Zeit begleiten? Herrmann: Die Globalisierung und die niedrigen Energiepreise haben die In ation lange Jahre gedämpft. Das ändert sich. In den kommenden Jahren gehen die Baby- boomer in den Ruhestand, und immer weniger Leute sind bereit zu arbeiten – das treibt die Löhne. Dazu verlagert sich die Produktion von China in andere Länder, die sicherer sind – aber dafür teurer. Also entfällt der positive Effekt der Globalisie- rung. Auch die Dekarbonisierung wird die Preise treiben. Und dazu haben wir noch hohe Staatsschulden, die bei hohen Zinsen eine Bedrohung darstellen und sich zudem über die In ation aus Sicht des Schuldners elegant abbauen lassen. Auch aus Rück- sicht auf die Staatsschulden können die Notenbanken am Ende die In ation nicht so konsequent bekämpfen wie nötig. In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir daher eher zwei bis vier Prozent In a- tion haben. Aber die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen ja bereits kräftig erhöht, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Herrmann: Ganz so konsequent ist die EZB nicht unterwegs. Denken Sie nur an das „Transmission Protection Instrument“, das vor allem Italien stützen soll. Oder an die hohe Überschussliquidität, die die Lang- fristzinsen drückt. Wenn die EZB wollte, könnte sie ja die Anleihen einfach auslau- fen lassen, aber sie reinvestiert die Zinsen und Endfälligkeiten weitgehend. Nach außen hin versucht die EZB zu vermitteln, dass es nur um die Zinsen und In ations- bekämpfung geht, und hintenrum nutzt sie dann andere Instrumente, um die Effek- te etwas abzumildern. Wo schlägt die Rezession in Deutschland denn zu, wenn wir sie an der Börse kaum spüren? Graf: Die Rezession setzt in Deutschland im Mittelstand und im unteren Mittel- stand an, also überwiegend bei Unterneh- men, die nicht an der Börse notiert sind. Dazu kommt: Viele „Zombie rmen“ hät- ten unter normalen Bedingungen in den vergangenen Jahren nicht überlebt,wurden aber durch das billige Geld und die Corona- hilfsmaßnahmen über Wasser gehalten. Die brechen nun langsam weg. Auch das ist vor allem ein Phänomen im Mittel- stand. Der Arbeitsmarkt brummt. Graf: Am Arbeitsmarkt hat wirklich eine Zeitenwende stattgefunden. Von 2010 bis 2028 verlieren wir ungefähr sieben Millio- nen Leute am Arbeitsmarkt, die in Rente gehen. So viele neue Arbeitskräfte können die Firmen gar nicht nden. Eine Rezes- sion wie Mitte der 2000er mit sechs Millio- nen Arbeitslosigkeit kann ich mir unter diesen demogra schen Voraussetzungen nur sehr schwer vorstellen.Die Demogra e wird den Arbeitsmarkt in Zukunft immer stützen, gerade in Deutschland. Deutschland hielt sich früher bei der Unter- stützung von Zukunfts- und Schlüsselin- dustrien oft zurück. Nun subventioniert die » Die noch immer unglaublich hohe Über- schussliquidität drückt die Langfristzinsen nach unten. « Marco Herrmann, Fiduka KURZ-VITA: Marco Herrmann Marco Herrmann verantwortet als Chief Investment Officer seit 2010 die Anlagestrategie von Fiduka. In mehr als 30 Jahren hat er umfassende Investmenterfahrung in Frankfurt, München, Düsseldorf und London gesammelt. FOTO: © AXEL GRIESCH FOTOGRAFIE MARKT & STRATEGIE Marco Herrmann + Thomas Graf | Fiduka 146 fondsprofessionell.de 3/2023

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